MASSNAHMEN UND TIPPS WIE WIR VORGEGANGEN SIND

Ich kann mich noch genau an den Moment erinnern, als die Lehrerin unseres Kindes zum ersten mal anrief und mir miteilte, das unser Sohn dauernd den Unterricht störe und er kaum zu bändigen sei. Beim ersten Telefon, fand ich es noch witzig, als sie erzählte, bei der Entspannungsübung sei er rückwärts vom Stuhl gekippt, weil er sich total gehen ließ… Als dann aber später die Mitteilung kam, wenn sich nicht etwas ändert, könne er nicht in der Klasse bleiben, war mir nicht mehr zum Lachen zumute.
Ich bat eine liebe Freundin um Rat, die vor einiger Zeit in einer ähnlichen Situation gewesen war. Sie gab mir einen sehr wertvollen Tipp, den ich mir zu Herzen nahm:

Durch sie wurde mir klar, ich bin im Verteidigungsmodus, wir gegen den Rest der Welt! Aber kämpfen raubt nur Energie und bringt uns keinen Schritt weiter. Unser Sohn kann nur weiter in der Klasse bleiben, wenn wir mit den Lehrerinnen zusammenarbeiten und gemeinsam einen Weg finden. Also beschloss ich dieses Mal die Initiative zu ergreifen und das Gespräch zu suchen.

Brief an die Lehrerinnen

Ihnen ist bereits aufgefallen, dass unser Sohn anders ist als viele andere Kinder: stürmischer und gleichzeitig sensibler, legt er jeden Tag eine regelrechte Achterbahnfahrt der großen Gefühle hin, von der einem schon mal schwindelig werden kann.
Wir verstehen, dass das manchmal anstrengend für Sie ist und, dass Sie sich dann fragen, warum ausgerechnet unser Kind so aus der Reihe tanzen muss. Kann er sich nicht einfach mal zusammenreißen und sich so verhalten wie alle anderen Kinder auch?
Deshalb ist es uns wichtig, dass Sie wissen: Unser Kind ist nicht einfach außer Rand und Band, weil wir ihm alles durchgehen lassen. Im Gegenteil: Wir nehmen unsere Verantwortung als Eltern sehr ernst. Deshalb haben wir uns auch schlau gemacht, welche Erklärung hinter dem speziellen Temperament unseres Kindes stehen kann und herausgefunden, dass ungefähr jedes zehnte Kind etwas anders tickt als andere.
Diese Kinder sind besonders offen für alle Sinneseindrücke und können sich nur schlecht vor Reizüberflutung schützen. Deshalb stehen sie vor Stress oft wie unter Strom. Darüber hinaus erleben diese Kinder sämtliche Gefühle viel intensiver als andere Menschen und können deshalb vor Freude, Wut oder Traurigkeit kaum an sich halten, einfach ein gefühlsstarkes Kind . Ich bin mir sicher, Sie erkennen unseren Sohn genauso in dieser Beschreibung wie wir.
Diese Gefühlsstärke stellt bei ihm den ganz normalen Alltag oft vor größere Herausforderungen als bei anderen Kindern. Bei Stress/Angst reagiert er nicht wie ein anderes Kind mit Trauer oder Rückzug, sondern wird laut, ungestüm, aggressiv und seine Haut reagiert. Er nimmt die Emotionen und Gefühle seines Gegenübers sehr stark wahr und kann dann gar nicht mehr differenzieren zu wem diese überhaupt gehören und spiegelt was im entgegentritt.
Wir verstehen es deshalb als unsere Aufgabe, unser Kind mit viel Verständnis und Geduld dabei zu begleiten und Ordnung in das Gewirr seiner widersprüchlichen, starken Emotionen zu bringen. Jede Form von zusätzlichem Stress, insbesondere durch angedrohte Konsequenzen oder Strafen wäre dabei nur kontraproduktiv. Ruhig zu bleiben lernen Kinder nur in Ruhe. Und deshalb bemühen wir uns darum, unserem Kind ruhige, verlässliche, geduldige Wegbegleiter zu sein. Dabei vertrauen wir darauf, dass er uns nichts Böses will. Auch wenn er noch so schreit und tobt: Er will uns nicht ärgern, er zeigt uns nur die Wucht seiner Gefühle.
Keine Frage, das ist auch für uns manchmal sehr anstrengend, ruhig zu bleiben oder bei einem Konflikt ihm ohne Schuldzuweisung zu zeigen was er in Zukunft anders machen kann in solchen Situationen. Ihn bei einem Wutanfall wie einen 2-jährigen zu behandeln der er in diesem Moment ist und in einem anderen Moment, wenn er selbständig Tische und Stühle aus Holz baut wie einen 10-jährigen. Ihm immer wieder zu zeigen wie vielfältig, fantasievoll und leidenschaftlich er ist.
Deshalb habe ich eine Bitte an Sie, vergleichen Sie unseren Sohn nicht mit anderen Kindern, sondern sehen Sie seine Einzigartigkeit. Denn unser Kind ist ein wunderbares Kind und wir hoffen auch Sie können das sehen.
Gerne würden wir nächste Woche einen Termin mit Ihnen vereinbaren um uns ein Bild darüber machen zu können in welchen Situationen unser Kind stark oder unpassend reagiert, anbei unsere Terminvorschläge, wir freuen uns auf ein konstruktives Gespräch.

Das Buch von Nora Imlau hat mir sehr dabei geholfen, den Brief zu schreiben und zu verstehen warum unser Sohn gefühlsstark ist.

Vorbereitung ist die halbe Miete

Aufgrund meiner Ausbildung zur Reflexintegrations-Trainerin, konnte ich im Gespräch mit den Lehrkräften darlegen, warum unser Kind in der Gruppe oft aufbrausend reagierte. Ich unterbreitete den Vorschlag Susanne Weder beizuziehen, die unseren Sohn während des Unterrichts beobachtet, um zu erkennen welche Situationen schwierig sind für ihn. Die Lehrerinnen waren sehr offen und sofort bereit mit Frau Weder das Weitere Vorgehen zu besprechen.
Frau Weder ist selbst ADS Betroffene, Primarlehrperson und zweifache Mutter. Sie weiß darum die Ressourcen ihrer Aufmerksamkeitsstörung zu nutzen und sinnvoll einzusetzen. Dieses Potential möchte sie als Fachperson mit schulzimmer.ch zur Verfügung stellen.
Ziel ihrer Arbeit ist es, jeweiligen Situationen und Momente zu erkennen, in denen das Kind mit seinen individuellen ADS Themen Schwierigkeiten hat. Anschließend erfolgt das Gespräch mit den Lehrkräften um eine Optimierung der Unterrichtssituation für das Kind zu erwirken.
Im Vordergrund steht eine Kindfokussierte Beobachtung im Schulzimmer. Danach erfolgt die Erstellung eines minutiösen Protokolls des Unterrichtsgeschehens. Ein erstes Feedback erfolgt im Anschluss an die Unterrichtssequenz sowie zusätzlich eine ausführliche Besprechung bei einem weiteren Termin zusammen mit den Eltern.

Schwerpunkte der Besprechung waren:
Welche konkreten Situationen und Momente sind schwierig für das Kind? Warum sind diese aus Sicht der ADS Seite schwierig?
Mögliche Ursachen und mögliche Gegenwirkungen?
Konkrete Hilfsmittel zur Optimierung der Situation im Unterricht.
Für uns war die Hilfestellung durch eine neutrale Fachperson sehr hilfreich. Wertvoll waren auch die Erläuterungen, warum unser Sohn in manchen Situationen impulsiv reagiert, aus ihrer Sichtweise zu hören. Durch dieses Vorgehen hatten wir nun Zeit gewonnen und konnten uns dem Reflexintegrations-Training widmen. Davor hatte ich den Druck, sofort eine Lösung präsentieren zu müssen.
Unterdessen sind 3 Monate vergangen und was soll ich sagen, seit den Herbstferien habe ich nur noch einmal von einem Aussetzer unseres Sohnes gehört.

Bleibt neugierig

Herzlichst Katinka